florestan trifft nicht nanina - ein lied für die sommerzeit


der mit farbe gepanzerte kopf: ein schutzschirm gegenüber einer menge, die unterhalten sein will.
applaus, applaus. ein zuckerstreuer funktioniert nicht. wie unterhält sich aber die auf diese weise
gepanzerte? ein rosa plastikübertopf mit wachsstoffröslein. sind die gedanken dann frei, sieht die
zornesröte niemand, hat der schrecken nicht mehr die kraft um das kunstweiß noch bleicher
werden zu lassen? die moccatasse ganz in weiß. mit einem erhabenen dekor im stil des rokoko.  
vorhang auf ! dahinter erscheint noch ein vorhang, dann noch einer und noch einer - geht das ewig
so weiter, oder gibt es ein ende? Eine schachtel cigarren und der leuchtend gelbe kugelschreiber.
und ist das ende wirklich ungeschminkt und ist es dann das leben oder erst wieder ein spiel.

der spiegel erlaubt die welt symmetrisch zu sehen: wer hat noch nicht vor dem spiegel getanzt
oder hat sich nicht in liebe oder abneigung in sein linkes antlitz versenkt. der weiße vorhang,
so gewebt, daß große quadrate den blick auf die straße erlauben, bewegt sich sanft in der
zugluft. es ist ein großer traum vom eintritt in die andere, die doppelwelt. in einem dottergelben
aschenbecher zerfällt die asche der cigarre. ist dort das gleiche wie hier oder besteht doch eine
zweite, eine andere realität, etwa wie im traum? ein lindgrüner tisch mit einer abgewetzten
oberfläche - circa 50 x 50 cm groß. ist die unsterblichkeit die verbindung der realität mit ihrem
gespiegelten abbild? glänzende rückenlehne, tapeziert mit schwarzem lederimitat. einen schutz
vor dem gefangen werden im nicht aufhörenden wechsel der blicke ist die zerschlagung der
gläsernen fessel. draußen, im garten bekommt der lebensbaum schon braune blätter. dann kann
der blick geradeaus ins wirklich unendliche streifen, aber dann gibt es keine wiederkehr.

das starfoto an der wand: ein gebannter traum, regungslos, ein manifest der liebe. mit tixo an
den kacheln befestigt. im mit eichenholz verkleideten durchgang hängt ein sanft klingender
perlvorhang. ein mann fotografiert - ist das ein versuch über das unendliche im mathematischen
sinn, ein stammbaum für das nachdenkliche sehen? unter einer großen, schweren glaskuppel
liegen auf einer holztasse viele bunte brötchen. eine art grabmal, eine art kirche; erst lebend nach
dem tod. eine sich ständig selbst gebierende schillernde und glitzernde chimäre. über dem durch-
gang eine goldstrotzende nachgemachte ikone mit einem düster blickenden engel. die welt ist ein
großer stiller wald aus sich um die eigene achse drehenden starfotos. im drehen blitzen sie auf,
werden matt, blenden kurz und werden wieder matt. ein riesiger friedhof spielt ewiges leben.


für Martina Kudlacek
Josef Wais    1987

Für Geige und Bratsche, wehmütig vorgetragen. Text leise gesprochen, fast geflüstert.


zurück zum Musikbild